König der Löwen (Remake) – Kritik

Filme, Kritik 26. November 2019

Wer den Zeichentrickfilm nicht mehr so klar vor Augen oder ihn noch gar nicht gesehen hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Es ist die technisch perfekte Umsetzung einer herzzerreissenden Geschichte. Das solide Drehbuch wurde kaum geändert und der wunderschöne Soundtrack auch komplett übernommen. Was ist also neu an dieser Version?

Die große Neuerung ist die fotorealistische Darstellung von Natur und Tieren. Darin liegt die angepriesene Stärke und gleichzeitig die größte (und für mich leider unübersehbare) Schwäche dieser Neuauflage. Durch die selbstauferlegte Einschränkung der Natur so treu wie möglich zu bleiben, verliert der Film enorm viel emotionale Tiefe. Sowohl die vergleichsweise farblosen Landschaften, als auch die fehlende Mimik der Tiere lassen im direkten Vergleich jede der neuen Szenen verblassen gegen ihre Zeichentrickversion.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist Simba in dem Moment, in dem er überzeugt wird, die alleinige Schuld für den Tod seines Vaters zu tragen. Weder die Kameraeinstellung noch die Mimik des Tieres lassen irgendeinen Schluss auf die Emotionalität der Szene zu. Diesen Teil muss allein die Musik stemmen.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die gleiche Szene aus dem Original.

Es ist wohl ziemlich klar, welches Bild mehr Emotion vermittelt. Und natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass realistische Tiere nunmal nicht weinen und keine menschlichen Gesichtsausdrücke haben, aber das ist Bullshit. Der Realismus ist ja keine Vorgabe von aussen, sondern eine kreative Entscheidung. In diesem Fall behindert diese Entscheidung den Transfer der Geschichte mit all ihren Gefühlen auf die Leinwand, somit ist es aus Sicht eines Filmemachers objektiv eine schlechte Entscheidung. Nun liegt hier der Fall etwas anders, da der Realismus keine spontane Entscheidung zur Umsetzung sondern zentraler Bestandteil des Konzepts ist. Und vermutlich hätte ich am Film kaum was auszusetzen, wenn es da nicht diesen Zeichentrickfilm gäbe, der in allen filmischen Belangen der bessere Film ist.

Ich will das auch nicht nur an den fehlenden Emotionen der Tiere festmachen. Diese erzählen sich trotzdem recht gut durch die hervorragenden Sprecher und den allgegenwärtigen genialen Soundtrack. Leider hat die neue Version oft auch schwächere Kameraeinstellungen und Schnitte als das Original. Kleines Beispiel aus der gleichen Szene:

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die Einstellung in der Simba von Zuhause wegläuft. Im neuen Film ist es klar als Flucht vor Scar dargestellt, der aber in diesem Moment gar nicht aggressiv ist, sondern Simba raffiniert manipuliert.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die gleiche Einstellung aus dem Original. Simba hat Scar die Lüge abgekauft und glaubt nun, dass er selbst ganz alleine die Schuld am Tod seines Vaters trägt und ihm nur noch das Exil bleibt.

Das Bild aus dem neuen Film ist schwer zu lesen, weil alles die gleiche Farbe hat. Es spiegelt außerdem nicht den Inhalt des Dialoges wieder. Das untere Bild erzählt ganz klar unglaublich viele Dinge: Simba geht nicht aus Furcht vor Scar, er ist unendlich traurig, weil er alles verloren hat durch seine eigene Schuld. Er hat Mufasas Leiche den Rücken gekehrt, er hat seinem Vater, seiner Familie und seiner Heimat den Rücken gekehrt. Und zwar aus eigenem Antrieb, aus seiner Erkenntnis heraus, dass alles seine Schuld ist. Nicht weil Scar größer ist und fies aussieht.
Und für diese großen Schwächen in der Auflösung einzelner Szenen kann das Remake nur sich selbst verantwortlich machen.

Also: technisch ist der Film eine unglaubliche Leistung, für mich bleibt aber die Frage nach dem Grund. Und selbst mit der selbstauferlegten Einschränkung des Fotorealismus, hätten sie noch mehr daraus machen können, wenn sie etwas genauer geschaut hätten, was das Original so gut gemacht hat.

 

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