Bücher 2019

Allgemein 6. Januar 2020

Wie viele andere Menschen auch hatte ich für 2019 den unoriginellen Vorsatz mehr zu lesen, und siehe da, es hat tatsächlich funktioniert. Hier die Bücher, die ich 2019 gelesen oder gehört habe in keiner bestimmten Reihenfolge.

Gelesen:

Flowers for Algernon (Daniel Keyes)

Das Tagebuch eines geistig zurückgebliebenen Mannes, der durch eine Operation überragende Intelligenz erlangt. Faszinierend und herzzerreissend. Wenn ich ein Buch aus dieser Liste empfehlen müsste, dann wäre es auf jeden Fall dieses.

Geistkrieger – Feuertaufe (Sonja Rüther)

Hier habe ich eine ausführliche Kritik geschrieben. TL;DR: klare Leseempfehlung.

Terra (T. S. Orgel)

Gute Prämisse und hier und da ganz coole Action, aber zu wenig originell, als dass viel hängen bleibt.

Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)

Spannend epische Geschichte einer witzig-zynischen Monsterjägerin in einer postapokalyptischen Welt, in die die Magie der amerikanischen Ureinwoher zurückgekehrt ist. Trotz vieler cooler Bestandteile, hat es mich nie komplett gefesselt.

Die Form des Wassers (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos erster Fall. Ich habe den Tod von Andrea Camilieri zum Anlass genommen, endlich seine Bücher zu lesen. Die kurzen Romane um den schrulligen Sizilianischen Kommissar, dem das Essen mindestens genau so wichtig ist, wie seine Fälle, sind einfach wunderbar. Bevor ich mich versah, hatte ich sechs hintereinander gelesen. Ich fand alle gleichermaßen gut, deswegen spare ich mir die einzelnen Kritiken.

Der Hund aus Terracotta (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos zweiter Fall.

Die Stimme der Violine (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos dritter Fall.

Der Dieb der süßen Dinge (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos vierter Fall.

Das Spiel des Patriarchen (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos fünfter Fall.

Der Kavalier der späten Stunde (Andrea Camillieri)

Commissario Monalbanos sechster Fall.

The Blade Itself (Joe Abercrombie)

Vor Jahren erwähnte ein Freund, dass Joe Abercrombie sein Lieblingsautor ist, nun wollte ich endlich mal wissen, was dran ist. Mein Urteil ist etwas zwiegespalten. Abercrombie erschafft wunderbar komplexe Figuren, schon nach ein paar Seiten hat man das Gefühl, die Helden zu kennen und freut sich über ihre Macken und Eigenheiten. Auch baut er eine ziemlich gute Welt mit komplexer Geschichte auf.

Before They Are Hanged (Joe Abercrombie)

Bei dem zweiten Teil der First Law Trilogie wurde ich so langsam ungeduldig. Ich bekam das Gefühl, dass der Autor selbst nicht so recht weiß, wohin er mit seinen coolen Charakteren will. Die Geschichte schlug auch ein paar Haken, die ganze Abschnitte des ersten Buches unnötig und unsinning machten.

Last Argument of Kings (Joe Abercrombie)

Bei Teil 3 hat sich für mich der Verdacht bestätigt, dass es keinen roten Faden für die Handlung oder die Figuren gibt. Es wirkt, als schriebe Abercrombie nur um zu schreiben. Wirklich tolle Charaktere, die leider ziellos durch eine komplexe fantastische Welt treiben.

Nevernight (Jay Kristoff)

Das erste Buch der „Nevernight Chronicles“ Mit sehr trockenem Humor erzählt Jay Kristoff die blutige Geschichte seiner Heldin Mia und ihrem Werdegang zur berühmtesten Attentäterin ihrer Welt. Dabei bedient er sich recht schamlos aber sehr erfolgreich bei anderen Autoren. Mit reichlich Gewalt und Sex richtet er sich aber ganz klar an erwachsene Leser. Das Buch hatte mich sehr schnell in seinen Bann gezogen und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.

Godsgrave (Jay Kristoff)

Den zweiten Teil der Nevernight Trilogie hab ich auch mit großer Freude verschlungen, auch wenn die Geschichte nicht mehr ganz so fesselnd war, wie im ersten Teil.

Darkdawn (Jay Kristoff)

Im dritten Teil der Trilogie wird es richtig episch, die Schlussfolgerungen über die Welt und den Erzähler der Geschichte machen viel Spaß und führen zu einem sehr guten Ende.

Wicked (Gregory Maguire)

Die vielgelobte alternative Sichtweise auf den Zauberer von Oz hat mich trotz cooler Charaktere nie richtig gefesselt. Bin noch nicht sicher, ob ich den Rest der Reihe lesen möchte.

Swan Song (Robert R McCammon)

Das einzige Buch in der Liste, das ich nicht fertig gelesen habe. Es beginnt mit der nuklearen Apokalypse und der Aussicht auf die Rückkehr von Magie in die Welt. Es gibt ein paar interessante Figuren, die die Atombomben überleben und nach den ersten Kapiteln freute ich mich auf deren Geschichte. Doch bald wurde klar, dass dies keine Geschichte von Helden sein würde. Es wird einfach alles immer schlimmer. Nach einer Weile war es mir einfach zu düster. Es ist durchaus spannend und gut geschrieben, aber alles was es beschreibt (zumindest bis zur Häflte) ist pures Leiden. War mir einfach etwas zu hart.

Hörbücher:

Mars Nation 1 (Brandon Q. Morris)

Kann mich ehrlich gesagt an nichts erinnern, außer dass es von der ersten Minute an wie eine schwache Kopie von „The Martian“ wirkte.

Spinning Silver (Naomi Novik)

Nachdem ich vorletztes Jahr so begeistert war von Naomi Novik’s „Uprooted“, habe ich mich mit Freuden auf „Spinning Silver“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Ein bitteres Märchen mit Figuren aus der Slavischen Mythologie aus der Sicht mehrerer Frauen und Mädchen erzählt. Die Geschichte entfaltet sich langsam und komplex und gibt tiefe Einblicke in die Rolle von Geld, Geschlecht und Ehre. Ganz klar einer meiner Favoriten des letzten Jahres.

Temeraire (Naomi Novik)

Nun hatte ich schon zwei wundervolle Bücher von Novik gelesen und dachte, es könnte nicht schaden, ihr Frühwerk anzuschauen. Das war leider ein Fehler. Temeraire ist das erste Buch einer ganzen Reihe, in der die Napoleonischen Kriege mit Drachen geführt werden. Schon die Prämisse klingt furchtbar, aber das Buch war noch viel langweiliger als es klingt.

Die Wandernde Erde (Cixin Liu)

Eine Sammlung von Science-Fiction Kurzgeschichten, die vor keinen großen Ideen zurückschrecken und in denen es, wie in aller guter Science-Fiction, immer um die Menschen, ihre Gefühle und ihren Platz in der Welt geht. Großartig!

Von Männern, die keine Frauen haben (Haruki Murakami)

Eine Sammlung von schönen Kurzgeschichten mit der für Murakami typischen Melancholie. So gesammelt fand ich seine Sicht auf Romantik hier und da fast etwas zu männlich, in dem Sinne, dass Frauen bei ihm oft mehr Objekte der Begierde und Sehnsucht sind als Akteure.

Der Junge muss an die frische Luft (Hape Kerkeling)

Kerkeling erzählt auf seine eigene leichte und sympathische Art von seiner Kindheit. Sehr unterhaltsam und berührend, auch wenn es mir teilweise zu esoterisch ist.

On Writing (Stephen King)

Zu meiner Schande das einzige Sachbuch der Liste, wobei King eher Anekdoten mit gelegentlichen Tipps erzählt. Der Meister selbst spricht übers Schreiben und über seine Karriere. Man kann viele nützliche Tipps draus ziehen, auch wenn es keine wirkliche Struktur gibt. Dass er es in seiner schnodderigen Art selbst liest gibt dem ganzen noch etwas mehr Unterhaltungswert.

Cybertruck – Gedanken

Allgemein, Kommentar 27. November 2019

Nachdem Elon Musk neulich Teslas absurd anmutenden Cybertruck vorgestellt hat, haben sich einige Leute zu spontanen und allgemeinen Kritiken an Tesla und SpaceX hinreißen lassen, die bei mir auf komplettes Unverständnis stießen. Um mich nicht in mühsamen Chats und Kommentarspalten mit allen Leuten auseinanderzusetzen, die das Thema anders sehen als ich, schreibe ich hier einfach mal meine Reaktionen zusammen.

Cybertruck - Gedanken

„Tesla und SpaceX wollen nur Kohle machen!“
Nichts, was Musk bisher irgendwo geschrieben oder gesagt hat, deutet auch nur im Entferntesten darauf hin. Nach eigener Aussage, macht er sich große Sorgen um die Zukunft der Menschheit und arbeitet in allen möglichen Bereichen daran, diese zu verbessern.

„SUVs sind aber totaler Schwachsinn und Luxus!“
Ja, stimmt. Teslas im Allgemeinen sind bis jetzt noch Luxusgüter und genau das wäre für mich auch ein Grund, keinen zu fahren. Aber es war von Anfang an das erklärte Ziel von Tesla, erschwingliche Fahrzeuge über Luxus zu finanzieren. Die Infrastruktur für die Herstellung und das Auftanken von E-Fahrzeugen musste irgendwie finanziert werden und der einzig logische Weg ist der über Luxusgüter. Das war schon immer bei jeder technischen Innovation so. Reiche Leute hatten immer alles zuerst bis es erschwinglich war.

„Es reicht doch nicht, einfach alles auf erneuerbare Energien umzurüsten!“
Sondern? Natürlich ist das der Beste Weg. Je mehr wir von Fossilen Brennstoffen wegkommen, desto größer die Motivation mit der neue Technologien erforscht werden. Es wäre Unsinn, die perfekten E-Fahrzeuge heimlich im Labor zu entwickeln und dann irgendwann in 20 Jahren auf den Markt zu bringen. Wer sollte das finanzieren?

„Aber die Produktion von E-Fahrzeugen belastet die Umwelt!“
Und deswegen sollte man lieber nichts tun? Es geht nicht darum, dass diese Fahrzeuge die nächsten 50 Jahre halten. Es geht darum Akzeptanz und Infrastruktur für Systeme zu schaffen, die unzweifelhaft auf lange Sicht besser für die Welt sind.

„Wir haben die Probleme aber jetzt! Es dauert zu lange, bis wir alle Probleme der E-Fahrzeuge in den Griff kriegen!“
Ähm… also ist der Vorschlag, erstmal… nichts zu tun? What?

„Verzicht wäre ein viel besserer Weg als zukunftstaugliche Luxusgüter!“
Menschen verzichten aber nicht von sich aus. Dieses Jahr haben ein paar Leute verstanden, wie schlimm es um das Klima steht und in Umfragen behauptet, sie würden „aufs Fliegen verzichten“. Rate mal, wieviele Leute tatsächlich verzichten! Nicht mal annähernd genug. Und selbst wenn wir eine Diktatur ausrufen wollten und alle zu Personal Greening zwingen, würde das immer noch nicht annähernd reichen um einen Nachhaltigen Umschwung herbeizuführen. Der einzig denkbare Weg ist es, innerhalb des Systems eine Motivation zur Änderung zu schaffen. Das geht mit finanziellen Anreizen für die Industrie und Luxusgütern für die Bevölkerung. Fair Trade Mode ist häufig besser designed, die Lebensmittel gesünder und teuerer, genau aus dem selben Grund. Es muss ein Anreiz geschaffen werden, damit die Gesellschaft insgesamt umschwenkt.

„Aber SpaceX schießt dauernd Raketen ins All! Das ist doch nicht umweltfreundlich!“
Seit Jahrzehnten predigen Leute wie Carl Sagan, Neil DeGrasse Tyson und Bill Nye, wie wichtig das Space Race für die Entwicklung technischer Innovationen war und wie positiv der Effekt ist, die Menschheit hinter wissenschaftlichen Zielen zu vereinen.
Und ganz im Ernst: Umweltbelastung?? Das was SpaceX bis jetzt erreicht hat spart der Raumfahrt jetzt schon so viele Ressourcen. Und selbst wenn nicht: Die paar Raketenstarts wird man in keiner Umweltbilanz messen können.

„Die bringen ja nichtmal Satelliten ins All, die wollten nur Kohle mit Touristen machen!“
Auch hier geht es wieder um Weiterentwicklung von Technik und Infrastruktur. Firmen und Privatpersonen, die Geld in die private Raumfahrt stecken, werden letztlich die Zukunft der selben ermöglichen. Und selbst wenn das Hauptziel Weltraumtourismus wäre, hat die Raumfahrt durch SpaceX und andere Private Unternehmen einen unglaublichen Sprung nach vorne gemacht, der in der Zukunft der Menschneit garantiert messbar sein wird.

„Aber warum muss denn immer dieser Medienrummel sein?“
Ja, der muss sein. Der ist für viele Menschen unterhaltsam und spannend. Es gibt der Firma ein positives Bild in der Öffentlichkeit und motiviert Investoren. Wenn ich es könnte, würde ich auch mein Cabrio ins All schießen. Und wenn sich irgendein Prolet einen goldenen Tesla kauft und damit ermöglicht, dass in naher Zukunft billige Teslas für Jedermann auf den Markt kommen, nehme ich das gerne in Kauf.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich wirklich keinen einzigen der vorgebrachten Kritikpuntke auch nur annähernd Ernst nehmen kann. Tesla bringt seit Jahren Schwung in die Industrie der E-Fahrzeuge. Das war das erklärte Ziel mit einer klar definierten Strategie. Die Firma ist noch nicht einmal davon abgewichen und hat all ihre Ziele (teils mit einiger Verspätung) bis jetzt erreicht. Was ist also die Kritik? Das die Firmen hin und wieder Publicity Stunts machen? Dass sie sich mit ihren teuren Produkten an wohlhabende Kunden wenden? Das gleiche gilt für SpaceX, nur dass die technischen Innovationen hier noch größer sind.

Mich machen diese Diskussionen einfach müde. Wenn Du denkst, dass dein Papierstrohhalm mehr für die Welt tut als Elon Musk, dann haben wir uns vielleicht einfach nicht so viel zu sagen.

König der Löwen (Remake) – Kritik

Filme, Kritik 26. November 2019

Wer den Zeichentrickfilm nicht mehr so klar vor Augen oder ihn noch gar nicht gesehen hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Es ist die technisch perfekte Umsetzung einer herzzerreissenden Geschichte. Das solide Drehbuch wurde kaum geändert und der wunderschöne Soundtrack auch komplett übernommen. Was ist also neu an dieser Version?

Die große Neuerung ist die fotorealistische Darstellung von Natur und Tieren. Darin liegt die angepriesene Stärke und gleichzeitig die größte (und für mich leider unübersehbare) Schwäche dieser Neuauflage. Durch die selbstauferlegte Einschränkung der Natur so treu wie möglich zu bleiben, verliert der Film enorm viel emotionale Tiefe. Sowohl die vergleichsweise farblosen Landschaften, als auch die fehlende Mimik der Tiere lassen im direkten Vergleich jede der neuen Szenen verblassen gegen ihre Zeichentrickversion.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist Simba in dem Moment, in dem er überzeugt wird, die alleinige Schuld für den Tod seines Vaters zu tragen. Weder die Kameraeinstellung noch die Mimik des Tieres lassen irgendeinen Schluss auf die Emotionalität der Szene zu. Diesen Teil muss allein die Musik stemmen.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die gleiche Szene aus dem Original.

Es ist wohl ziemlich klar, welches Bild mehr Emotion vermittelt. Und natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass realistische Tiere nunmal nicht weinen und keine menschlichen Gesichtsausdrücke haben, aber das ist Bullshit. Der Realismus ist ja keine Vorgabe von aussen, sondern eine kreative Entscheidung. In diesem Fall behindert diese Entscheidung den Transfer der Geschichte mit all ihren Gefühlen auf die Leinwand, somit ist es aus Sicht eines Filmemachers objektiv eine schlechte Entscheidung. Nun liegt hier der Fall etwas anders, da der Realismus keine spontane Entscheidung zur Umsetzung sondern zentraler Bestandteil des Konzepts ist. Und vermutlich hätte ich am Film kaum was auszusetzen, wenn es da nicht diesen Zeichentrickfilm gäbe, der in allen filmischen Belangen der bessere Film ist.

Ich will das auch nicht nur an den fehlenden Emotionen der Tiere festmachen. Diese erzählen sich trotzdem recht gut durch die hervorragenden Sprecher und den allgegenwärtigen genialen Soundtrack. Leider hat die neue Version oft auch schwächere Kameraeinstellungen und Schnitte als das Original. Kleines Beispiel aus der gleichen Szene:

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die Einstellung in der Simba von Zuhause wegläuft. Im neuen Film ist es klar als Flucht vor Scar dargestellt, der aber in diesem Moment gar nicht aggressiv ist, sondern Simba raffiniert manipuliert.

König der Löwen (Remake) - Kritik
Das ist die gleiche Einstellung aus dem Original. Simba hat Scar die Lüge abgekauft und glaubt nun, dass er selbst ganz alleine die Schuld am Tod seines Vaters trägt und ihm nur noch das Exil bleibt.

Das Bild aus dem neuen Film ist schwer zu lesen, weil alles die gleiche Farbe hat. Es spiegelt außerdem nicht den Inhalt des Dialoges wieder. Das untere Bild erzählt ganz klar unglaublich viele Dinge: Simba geht nicht aus Furcht vor Scar, er ist unendlich traurig, weil er alles verloren hat durch seine eigene Schuld. Er hat Mufasas Leiche den Rücken gekehrt, er hat seinem Vater, seiner Familie und seiner Heimat den Rücken gekehrt. Und zwar aus eigenem Antrieb, aus seiner Erkenntnis heraus, dass alles seine Schuld ist. Nicht weil Scar größer ist und fies aussieht.
Und für diese großen Schwächen in der Auflösung einzelner Szenen kann das Remake nur sich selbst verantwortlich machen.

Also: technisch ist der Film eine unglaubliche Leistung, für mich bleibt aber die Frage nach dem Grund. Und selbst mit der selbstauferlegten Einschränkung des Fotorealismus, hätten sie noch mehr daraus machen können, wenn sie etwas genauer geschaut hätten, was das Original so gut gemacht hat.

 

Joker – Kritik

Filme, Kritik 16. November 2019

Joker - Kritik

Joaquin Phoenix ist großartig als Joker. Er zeigt uns einen verletzten, zerbrechlichen Arthur Fleck, der im Laufe des Films versteht, dass er der Welt egal ist und seine Handlungen keine Konsequenzen haben. Diese Erkenntnis befreit ihn letztlich und macht ihn zu dem nihilistischen Joker, den wir alle kennen und lieben.

Leider hat der Film einige Schwächen, die mir vielleicht besonders ins Auge fallen, weil der Hype mich schon im Vorfeld sehr skeptisch gemacht hat. Nimmt man das großartige Ausgangsmaterial und die Performance von Phoenix weg, bleibt über die meiste Zeit des Films nicht viel übrig außer einem durchschnittlichen Drehbuch, einem schönen aber überstrapazierten Soundtrack und einem Robert De Niro, der offensichtlich seinen Spaß hat.
In den letzten 20 Minuten hat der Film mich dann aber doch noch gepackt. Die Begegnung zwischen Arthur und seinem Idol und die damit abgeschlossene Verwandlung zum Joker ist atemberaubend.

Wenn der Film nicht diesen Hype ausgelöst hätte und 30 min kürzer wäre, wäre mein Urteil sicher deutlich besser ausgefallen. So muss ich leider sagen: okayer Film, der erst in den letzen 20 Minuten zeigt, wie fantastisch er eigentlich hätte sein können.

Keanu Reeves

Filme, Kommentar, Social Media, Video 22. Mai 2019

Es gibt gerade eine frische Welle der Liebe für Keanu Reeves (zum Beispiel von den Vlogbrothers), auf der ich nur zu gerne mitreiten möchte.

Warum ist er gerade wieder so ins Rampenlicht geraten? Wegen dieses Interviews:

in dem er bei 9:50 Colbert und das Publikum komplett überrumpelt mit einer ernsten und wunderschönen Antwort auf eine scherzhafte Frage.

Colbert: „What happens when we die Keanu Reeves?“
Reeves: „I know that the ones who love us will miss us.“

Mich selbst hat es auch umgehauen und ich bekomme jedes Mal feuchte Augen, wenn ich den Clip sehe. Abgesehen von der inhaltlichen Schönheit, ist es wunderbar, zu sehen, wie Keanu umschaltet. Gerade hat er noch begeistert sein nächstes Projekt angepriesen, dann kommt die Frage, er stockt, atmet lange und geräuschvoll aus und liefert dann mit ruhiger Stimme und stetigem Blickkontakt die Antwort. Er hat sich in diesem superkurzen Moment seine ganze Aufmerksamkeit dieser Frage und dem Fragenden gewidmet. Gerade in diesem Medienrummel der Talkshows und Youtube Clips ist sowas unfassbar selten und noch seltender kann man es so schön beobachten.

Bis heute kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob Keanu Reeves ein guter Schauspieler ist oder nicht, aber als Mensch ist er mir in den letzten Jahren ziemlich ans Herz gewachsen. Warum? Ich kenne den Mann nicht. Ich habe ihn nie getroffen, nie ein Wort mit ihm gewechselt. In seinen Filmen spielt er Rollen, die nichts mit ihm zu tun haben und Interviews sind nur Marketing um Kinotickets zu verkaufen. Oder?
Es fing vor rund fünf Jahren mit einem AMA (ask me anything) auf Reddit an.
Innerhalb einer kurzen Zeit bekam Keanu ein paar tausend Fragen von fremden Menschen gestellt und hat ein paar davon beantwortet. Ab der ersten beantworteten Frage war ich fasziniert, vor allem davon, wie aufmerksam und detailliert die Antworten waren. Er hat sich offensichtlich für jede Antwort Zeit genommen und sie präzise und ausführlich beantwortet. Hin und wieder hat er die Antworten damit eingeleitet, dass diese spezielle Antwort genau für diesen Moment gilt und ein anderes Mal vielleicht anders beantwortet werden würde.

Die Frage danach, welchen seiner Filme er empfehlen würde hat er zum Beispiel so beantwortet:

Today I will pick: If you haven’t seen A Scanner Darkly, Please watch A Scanner Darkly. A film I’m fond of is Henry’s Crime. I’ll pick those 2 today.

Diese besondere Art des Antwortens brachte mich dazu, einige seiner Interviews anzuschauen und zu lesen, was mir etwas mehr Einblick in seinen Charakter und seine Art der Spiritualität gab. Er bekennt sich zu keiner Religion, hat sich aber offensichtlich gründlich mit Buddhismus beschäftigt und spricht viel über Meditation und Achtsamkeit. Darüber hinaus, oder gerade durch seine achtsame und bedachte Art, ist jedes Interview mit ihm die reine Freude. Auch wenn es um banale Dinge wie seine Lieblingsfarbe oder sein aktuelles Projekt geht, schenkt er den Themen seine volle Aufmerksamkeit. In den meisten Fällen kann man auch wirklich sehen, dass die Gesprächspartner sich beschenkt fühlen.

Können wir nicht alle ein bisschen mehr wie Keanu sein?

Captain Marvel – Kritik

Filme, Kritik 8. März 2019

Full Disclosure: ich bin etwas vorbelastet, weil ich 5 Monate lang an dem Film gearbeitet habe.Captain Marvel - Kritik
Vers lebt auf Hala, einem Planeten der Kree und ist eine Art Soldatin, die noch im Training ist. Sie hat die Fähigkeiten und Probleme mit Impulskontrolle. Außerdem wird sie von wiederkehrenden Träumen geplagt, die (zumindest für den Zuschauer) offensichtlich auf der Erde spielen. Vers und ihre Kriegerkollegen gehen auf eine geheime Mission, die so schief läuft, dass Vers entführt wird. Nachdem sie sich selbst befreit hat strandet sie mit ein paar Bösewichten, den Skrulls auf der Erde. Dort trifft sie auf Nick Fury und Agent Coulson von Shield. Es beginnt ein Wettlauf mit den Skrull, die auf der Erde eine geheime Technologie suchen, in dessen Verlauf Vers die Wahrheit über ihre Vergangenheit auf der Erde erfährt und herausfindet, wem sie wirklich vertrauen kann.
Leider hat der Film so viele Probleme, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich anfangen soll. Kommen wir daher erstmal zu den guten Dingen.
Samuel L. Jackson hat sichtlich Spaß mit seiner Rolle als junger Fury, der noch beide Augen hat und nichts weiß von Superhelden oder Außerirdischen. Seine digitale Verjüngung funktioniert meist großartig. Wie üblich bei Marvel gibt es ein paar richtig gute Lacher. Vers (Captain Marvel) und Nick Fury sind ein lustiges (bis albernes) Team.
Was die Autoren und Regisseure des Films leider überhaupt nie wirklich hinbekommen haben ist die Einführung irgendeiner Figur oder der Welt. Das ist auch der Grund, warum die ersten 30 Minuten des Films zum Fremdschämen schlecht sind, denn da sollten wir eigentlich die handelnden Personen und ihre Situation kennenlernen. Stattdessen bekommen wir unmotivierte Dialoge ohne Subtext, die erfolglos versuchen, den Plot zu erklären. Ein weiteres großes Problem ist das fehlende Gefühl für Raum und Zeit. Der Film wirkt insgesamt, als sei er auf Karteikarten entstanden: Es wurde eine Reiher potentiell cooler Szenen geschrieben und dann haben sie geschaut, wie sie die lose verknüpfen können. Zum Beispiel klaut die Heldin ein Motorrad und fährt geradewegs zu einem Ort, den sie aus einer Erinnerung kennt, und Nick Fury ist schon da, obwohl er nicht mal direkt ihre Verfolgung aufgenommen hatte, sondern noch bei einer Alienautopsie war, bei der er für einen Lacher den Penis des Aliens sehen musste. What?Captain Marvel - Kritik
Letztlich sollte der Film einen Zweck erfüllen: wir sollten sehen, wie mächtig Captain Marvel ist, was ihm auch kurz vor Schluss einigermaßen gelingt in einer Sequenz die trotz der sehr schwachen visuellen Effekte Spaß macht.
Ich hoffe inständig, dass ich meine Meinung nach einer zweiten Sichtung ändern kann, aber im Moment würde ich sagen, dass Captain Marvel der schwächste Film im Marvel MCU ist.

I Feel Pretty – Kritik

Filme, Kritik 4. März 2019

Amy Schumer spielt Renee, eine Frau, die sehr unglücklich mit ihrem Aussehen ist. Sie probiert Sport, Makeup und Schönheitsanleitungen aus dem Netz, um sich zu verändern. Bei einem Unfall im Fitnessstudio bekommt sie einen schweren Schlag auf den Kopf und als sie wieder erwacht, glaubt sie plötzlich, sie sei die schönste und souveränste Frau der Welt. Sie ist überzeugt, dass etwas magisches passiert ist und sie nun nicht mehr die selbe Person ist. Sie strotzt nun vor Selbstsicherheit, bekommt einen Mann, ihren Traumjob und alles, was sie sich je gewünscht hat.I Feel Pretty - Kritik
I Feel Pretty ist ein überraschend süßer und lustiger Film, dem es trotz vieler Schwächen gelingt, sehr unterhaltsam zu sein und eine wichtige Botschaft über Oberflächlichkeit und Schönheitswahn rüberzubringen. Amy Schumer spielt ihre Rolle ganz wunderbar und rutscht nur gelegentlich in ihre Routine der albernen dicken Frau ab. Michelle Williams hat eine kleine aber ungewohnte und witzige Rolle, die sie mit sichtlicher Freude spielt. Alles in allem ist es eine solide romantische Komödie mit sehr viel Witz und Charme. Perfekt für einen Nachmittag auf der Couch.

Chaos im Netz – Kritik

Filme, Kritik 19. Februar 2019

Chaos im Netz - Kritik
Der zweite Teil von Wreck it Ralph spielt 6 Jahre nach dem ersten Teil. Ralph und Vanellope sind beste Freunde und Ralph könnte nicht glücklicher sein, doch seine kleine Freundin sehnt sich nach etwas Neuem. Als das Spiel von Vanellope kaputt geht, machen sich die beiden auf den Weg ins Internet, um bei Ebay ein Ersatzteil zu besorgen. Es folgt eine wilde Jagd durchs Netz, die für den Zuschauer hauptsächlich darin besteht, Marken und Websites wiederzuerkennen. Erwartungsgemäß liegen die meisten Anspielungen und Zitate jenseits der Erfahrungen der Zielgruppe und so begannen das vorwiegend junge Publikum und ich uns bald zu langweilen. Trotz der wirklich liebenswürdigen Charaktere und der bunten Action auf der Leinwand, hatte ich das Gefühl, dass in dem Film einfach nichts passiert. Klar ist es irgendwie cool, dass – Disney sei dank – Star Wars, Marvel und diverse Prinzessinen ihren Gastauftritt haben, aber das kannte man schon aus dem Trailer und der schwachen Geschichte hat es kein Bisschen geholfen.
Irgendwann gegen Ende findet der Film wieder seinen roten Faden und es wird sehr dramatisch, unappetitlich und gruselig bevor Ralph seine Charakterentwicklung vollzieht und die wirklich schöne und wichtige Moral des Films endlich klar wird. Dass Vanellope keine eigene Entwicklung durchmacht, hinterließ bei mir auch ein etwas komisches Gefühl.
Ich habe mir den Film zweimal angesehen, und hatte gehofft, dass ich mich beim ersten Mal einfach geirrt habe, da es so viele gute Kritiken gab, aber ich habe mich beide Male sehr über ihn geärgert. Er opfert seine Geschichte und seine Zielgruppe einer Aneinanderreihung von Meme-kompatiblen Gags, die man alle auch im Trailer sehen kann. Während der erste Film zeitlos gut ist, wird dieser Teil schnell in Vergessenheit geraten, schade drum.
Das Urteil meines Sohnes fiel etwas milder aus: „Fast so gut wie der erste, nur die Geschichte war nicht so gut.“